Mit neun Jahren lernte Anne-Sophie Mutter ihre Lehrerin Aida Stucki kennen. Die beeinflusste die junge Geigerin sowohl menschlich als auch künstlerisch. Am 19. Februar 2021 wäre Aida Stucki 100 Jahre alt geworden. Im Interview mit BR-KLASSIK erinnert sich Anne-Sophie Mutter an ihre Mentorin.
"Ich habe unheimlich viel von ihr gelernt", sagt Stargeigerin Anne-Sophie Mutter. Und sie kann nicht oft genug wiederholen, wie wichtig ihre einstige Lehrerin für die eigene Karriere war – in jeder Beziehung. Aida Stucki war für Anne-Sophie Mutter eine Lichtgestalt: "Umso schmerzhafter war ihre Ablehnung mich zu unterrichten", erinnert sich Mutter. Denn das erste Aufeinandertreffen mit ihrem damaligen Idol hatte sich die Neunjährige anders vorgestellt: Aida Stucki wollte die Verantwortung für das junge Mädchen nicht übernehmen. Der Geiger Henryk Szeryng ermutigte Anne-Sophie, es nochmals zu versuchen. Mit Nachdruck überzeugte sie die Lehrerin schließlich, sie – das Ausnahmetalent – unter ihre Fittiche zu nehmen.
Sie war ein wunderbarer Mensch und eine wunderschöne Frau.
"Ich kann ihr gar nicht dankbar genug sein", sagt Anne-Sophie Mutter heute. Der Einfluss der Lehrerin auf Mutters Geigenspiel ist von Anfang an groß: "Ihre Lehrauffassung hat die Musik für mich begreifbar gemacht." Aida Stucki hat sich stets darum bemüht, bei jedem Schüler und jeder Schülerin den Schlüssel für eine eigene Interpretation zu finden. Dabei ging es weniger um konkrete Lösungen als vielmehr darum, Anregungen zu geben. Stucki wollte das musikalische Feuer in jedem von ihnen wecken, sagt Anne-Sophie Mutter: "Sie hat den Schülern nichts von ihrer Individualität genommen, sondern ihre Persönlichkeit erfasst."
Neben der Karriere als Kammermusikerin entdeckte Aida Stucki auch die Musikpädagogik für sich. Als Anne-Sophie Mutter zu ihr zum Unterricht kam, war Stucki bereits über zwanzig Jahre als Pädagogin tätig. 1948 nahm sie ihre erste Lehrtätigkeit in Winterthur an. Entsprechend groß ist der Erfahrungsschatz gewesen, aus dem sie schöpfen konnte. Internationale Solo-Auftritte vernachlässigte Stucki hingegen. Aus Schülerinnen-Sicht war Aida Stuckis Fokus auf das Lehren durchaus willkommen, sagt Anne-Sophie Mutter: "Für uns Schüler war das ein großes Glück. Denn dadurch hat sie sich fast ausschließlich auf das Unterrichten konzentriert."
Stuckis Grundbemühen war, das Rückgrat ihrer Schüler zu stärken - und zwar durch positives Feedback, sagt Anne-Sophie Mutter: "Das war wie das Auftragen eines Pflasters, wie eine lokale Betäubung." Trotzdem wusste die Schülerin, dass kritische Anmerkungen folgen würden: "Sie war eine sehr differenzierende Lehrerin". Kritik gab es sogar noch Jahre nach dem gemeinsamen Unterricht – etwa wenn Stucki Konzerte ihres einstigen Schützlings besuchte. "Sie hat einen gesunden Selbstzweifel gesät. Das hat aber nicht zu Unsicherheit geführt, sondern zu Freude, Neues zu lernen." Die Neugier, die Aida Stucki bei ihrer Schülerin wecken konnte, hat sich Anne-Sophie Mutter bis heute bewahrt: Die Einsicht, dass sie sich nicht am Ziel, sondern immer "auf dem Weg" befindet.
Sie hat einen gesunden Selbstzweifel gesät.
Nach dem Tod ihrer Mentorin im Jahr 2011 hat Anne-Sophie Mutter ihr sogar einen eigenen Förderpreis gewidmet. Die Anne-Sophie Mutter Stiftung würdigt herausragende, solistische Nachwuchsstreicher, die in einer starken Traditionslinie zu Aida Stucki und damit der europäischen Spiel- und Ausbildungstradition stehen.
Sendung: "Allegro" am 19. Februar ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK