Was heute unter Strafe steht, und weswegen mancher Amt, mancher Würden verliert, war im Barock ein Kavaliersdelikt: Ideen klauen, geistiges Eigentum zweit- und drittverwerten, abschreiben. In der Musik haben das viele getan. Wenn sie einigermaßen ehrlich waren, hieß das Ganze dann Pasticcio - damit war klar: Nicht alles ist selbst erfunden. Wenn sie skrupelloser waren, haben sie einfach stibitzt und den Erfolg still genossen.
Bildquelle: Erato
Der CD-Tipp zum Anhören
Georg Friedrich Händel war damals einer der Ober-Plagiateure, hat nicht nur bei Kollegen geschielt, sondern auch die eigenen Hits recycled, verfeinert und zwei-, manchmal auch dreimal unters Musikvolk gebracht. Meistens mit Erfolg.
Hits wie "Lascia ch’io pianga", "Ombra mai fu" oder "Venti turbini" faszinieren noch heute, und es ist drum mehr als legitim, diese Stücke nach Belieben zusammenzustellen, zu arrangieren, mit ihnen zu experimentieren. Erlaubt ist, was gefällt. Christina Pluhar und ihre Alte-Musik-Formation L’Arpeggiata sind bekannt dafür, dass sie sich barocke Evergreens unter die Nägel reißen und frei nach Improvisierlaune und Ideenreichtum damit verfahren. "Händel Goes Wild" heißt das aktuelle CD-Projekt der viven und musizierfreudigen Truppe. Vertreten sind die bekanntesten Barock-Schlager des Meisters aus seiner Zeit in Italien und London, mal mehr, mal weniger verziert, verrockt oder verjazzt. Manchmal tatsächlich wild, manchmal auch anrührend mild, dezent, verschmitzt.
Christina Pluhar und ihr Ensemble wissen genau, wen man zu solchen Crossover-Projekten nicht lange bitten muss und wer die nötige barocke Stilsicherheit und moderne Improvisationskunst mitbringt, um das Original nicht einfach zu verändern, am Ende zu verfälschen, sondern es auf hohem Niveau zu bereichern: Jazzklarinettist und Altmeister Gianluigi Trovesi ist zum Beispiel dabei, und auch der Pianist Francecso Turrisi, der mit seinen filigranen modernen Klavier-Klängen einem alten Wiegenlied humorvoll heutigen Spieluhren-Charakter verleiht. Spaß muss es machen, an so etwas zu feilen, Spaß macht auch das Hören.
Für Händel-Arien braucht es neben dem Mix aus alten und neuen Instrumenten auch Stimmen. Nuria Rial, die italienische Sopranistin und Arpeggiata-Vertraute, verleiht ihren glockenhellen und ergreifend schlichten Sopran wie schon bei früheren Projekten gerne. Und der Countertenor Valer Sabadus steuert in Hits wie "Venti turbini" oder "Verdi prati" seine Engelsstimme ebenso bei wie die Lust an barockem Ornament, Zierwerk und Ausschmückung. Ein besonderer Höhepunkt der zwar nicht durchgängig wilden, aber heiteren, aufgeweckten Improvisationsstunde "Händel Goes Wild" ist die 9-Minuten-Arie "Cara sposa" aus der Oper "Rinaldo": relativ nah am Original und damit sehr meditativ, auch das bezaubernd schön gestaltet. Fazit: Händel geht - immer. Normal oder wild. Arpeggiata hat’s mal wieder bewiesen.
Werke von Georg Friedrich Händel in Bearbeitungen und Improvisationen
Nurial Rial (Sopran)
Valer Sabadus (Countertenor)
Gianluigi Trovesi (Klarinette)
Francecso Turrisi (Klavier)
L’Arpeggiata
Leitung: Christina Pluhar
Label: Erato
Sendung: "Leporello" am 04. Oktober 2017, 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK