Eine fantastische Reise ins Innere der großen Glocke der Winchester Cathedral - das ist das Stück "Mortuos plango, vivos voco" von Jonathan Harvey. 1980 stellte sich der englische Komponist vor, wie es wäre, wenn man frei wie ein Vogel durch den Glockenklang fliegen könnte - und schuf damit einen Klassiker der elektronischen Musik.
Bildquelle: col legno
CD-Tipp 03.02.2017
Der CD-Tipp zum Anhören
Eine Stereo-Aufnahme davon zu hören ist ein bisschen so, als würde man die Kathedrale nur auf einer Postkarte betrachten. Denn Harvey hat sein geheimnisvoll schillerndes Stück für acht Lautsprecher konzipiert, aufgestellt rund um das Publikum herum. Jede CD kann davon nur ein unvollkommenes Abbild bieten. Doch jetzt präsentiert eine SACD Harveys Geniestreich erstmals im spektakulären Surround-Sound - und damit kann der Flug durch den Glockenturm nun wirklich losgehen.
Ein Forschungsteam an der Zürcher Hochschule der Künste hat nicht nur Harveys Klassiker für SACD aufbereitet, sondern auch zahlreiche andere Meilensteine der elektronischen Musik - von Ligeti genauso wie von Berio, von Lachenmann genauso wie von Varèse. Der alte Edgar Varèse wurde in den 1950er Jahren noch zum mutigen Elektronik-Pionier. Sein "Poème électronique" war Teil einer Multimedia-Symphonie aus Licht, Architektur und Klang, konzipiert zusammen mit Le Corbusier und Iannis Xenakis für die Weltausstellung in Brüssel. 400 Lautsprecher wurden für die Aufführung im Philips-Pavillon gebraucht. Geblieben ist davon heute nur noch ein verzerrtes Tonband. Umso erstaunlicher die Surround-Fassung, die Kees Tazelaar in mühevoller Forschungsarbeit rekonstruiert hat. Plötzlich wirkt Varèses Stück nicht mehr drollig oder verstaubt, sondern packend und visionär.
Den Originalklang von alten Tonbändern restaurieren, versunkenes Wissen über längst vergessene Techniken sammeln, Stücke aus den 50er und 60er Jahren für heutige Ohren aufbereiten - das Zürcher Forschungsteam wendet Prinzipien der historischen Aufführungspraxis auf elektronische Musik der Analogtechnik-Ära an. Und wie bei der Alten Musik ist da manche Entscheidung auch eine Geschmacksfrage. Ob es zum Beispiel historisch korrekt ist, Ligetis Glissando-Studie von Mono auf Surround aufzupeppen, darf bezweifelt werden - Spaß macht die neue Fassung beim Hören aber trotzdem. Wunderbar klingen auch die Surround-Aufnahmen von Tonband-Stücken mit live dazu gespielten Instrumenten, etwa von Ferneyhough oder Boulez.
Das Zürcher Projekt, geleitet vom Institutsdirektor Germán Toro Pérez, setzt Maßstäbe. Und wer eine Surround-Anlage zuhause hat, für den wird das heimische Wohnzimmer damit zum Elektronik-Tempel. Zwar fehlen auf dieser Doppel-SACD noch ein paar wichtige Namen wie Stockhausen oder Xenakis. Doch in Zürich wird schon fleißig weitergebastelt. Und so darf man hoffen, dass bald eine Fortsetzung folgt.
Edgar Varèse:
Poème électronique
György Ligeti:
Glissandi; Artikulation
Bruno Maderna:
Musica su due dimensioni
Luciano Berio:
Différences; Visage
Helmut Lachenmann:
Szenario
Jonathan Harvey:
Mortuos plango, vivos voco
Pierre Boulez:
Dialogue de l’ombre double
Brian Ferneyhough:
Mnemosyne
Label: col legno