Sein Repertoire reicht von barocker Virginalmusik bis zu zeitgenössischen Kompositionen. Statt es sich in einer Epoche bequem zu machen, spannt er den stilistischen Bogen von Bach bis Rihm. Ein Nischendenker ist er nicht, der Pianist und Cembalist Moritz Ernst; doch wenn es einen Schwerpunkt in seinen breit gestreuten musikalischen Interessen gibt, dann ist es das Engagement für einst verfemte Komponisten, die bis heute nicht die verdiente Aufmerksamkeit erlangt haben. Seine neue CD vereint solistische und konzertante Klavierwerke Viktor Ullmanns, der dem Nazi-Terror zum Opfer fiel.
Bildquelle: Capriccio
Der CD-Tipp zum Anhören
Ein hebräisches Lied eröffnet das Finale von Ullmanns letzter Klaviersonate; der Komponist schrieb sie 1944 in Theresienstadt, wenige Wochen vor seiner Ermordung in Auschwitz. Erst in der Verfolgung besann er sich auf seine jüdisch-tschechischen Wurzeln; im österreichisch-ungarischen Teschen geboren, fühlte er sich zunächst der deutschen Kultur stark verbunden. Nachdem Ullmann als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg gezogen war, studierte er Komposition bei Arnold Schönberg in Wien, wirkte unter Zemlinsky als Kapellmeister in Prag und betrieb eine anthroposophische Buchhandlung in Stuttgart. Vor Hitler floh er zurück nach Prag, doch 1939 machte der Einmarsch deutscher Truppen auch diese Stadt zur tödlichen Falle.
Dem vielschichtigen Klavierkonzert op. 25 hört man die verzweifelte Entstehungszeit kurz vor der Deportation in den massiven Martellato-Passagen des ersten Satzes genauso an wie im sarkastisch überdrehten Scherzo. Doch es gibt auch selbervergessene Inseln voll Melos und impressionistischer Klangschönheit. "Zu betonen ist, dass wir keineswegs bloß klagend an Babylons Flüssen saßen und dass unser Kulturwille unserem Lebenswillen adäquat war" - so beschrieb Ullmann das rätselhaft reiche künstlerische Wirken in Theresienstadt, diesem Durchgangslager auf dem Weg in den Tod. Es ging wohl um die Schaffung einer ästhetischen Gegenwelt zum unvorstellbaren menschlichen Leid.
Moritz Ernsts brillante, feinfühlige und nuancenreiche Interpretation lässt nie an wohlgemeinte moralische Wiedergutmachung denken, sondern gerät zum fulminanten musikalischen Erlebnis. Schließlich war es Viktor Ullmann so wenig wie Pavel Haas oder Hans Krasa in die Wiege gelegt, als "Theresienstädter Komponisten" zu enden. Sie gehörten einer vielversprechenden Prager Schule an, die künstlerisch ganz nah am Puls der Zeit angesiedelt war und noch viel zu sagen gehabt hätte, wäre sie nicht von der braunen Barbarei ausgelöscht worden. Der Triumph eines hebräischen Liedes und eines alten Hussitenchorals in Ullmanns letzter Sonate blieb ein symbolischer Sieg - und ein musikalischer!
Viktor Ullmann:
Klavierkonzert op. 25
Klaviersonate Nr. 7
Variationen & Doppelfuge op. 3a über ein Thema von Arnold Schönberg
Moriz Ernst (Klavier)
Dortmunder Philharmoniker
Leitung: Gabriel Feltz
Label: Capriccio
Sendung: "Leporello" am 22. Mai 2017, 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK