Menschen mit absolutem Gehör erkennen jeden Ton auf Anhieb. Doch woher kommt diese seltene Gabe? Unterscheidet sich das Gehirn eines Absoluthörers von dem anderer Menschen? Im BR-KLASSIK Wissens-Podcast "Kosmos Musik" spricht die Astrophysikerin und Musikliebhaberin Suzanna Randall mit dem Neurowissenschaftler Dr. Peter Schneider.
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Stellen Sie sich vor, ich spiele Ihnen einen Ton auf dem Klavier vor. Wenn Sie diesen Ton sofort und ohne Hilfsmittel benennen können, dann haben Sie vielleicht das absolute Gehör. So jedenfalls definiert es der Neurowissenschaftler und Organist Peter Schneider. Er leitet am Uniklinikum Heidelberg die AG "Musik und Gehirn" und hat einen Test ausgetüftelt, wie man das absolute Gehör im Gehirn messen kann.
Gleich vorweg: Das absolute Gehör hat viele Varianten. Schneider erzählt mir, dass es tatsächlich Top-Absoluthörer gibt, die ganz mühelos alle Töne aufsagen können, die sie hören. Die meisten Musikerinnen und Musiker haben allerdings partielle Fähigkeiten des absoluten Gehörs. "Sie können den Stimmgabelton oder Töne des eigenen Musikinstrumentes absolut erkennen. Ansonsten müssen sie aber überlegen."
Warum ist Singen gut fürs Immunsystem? Wie klingt das Weltall? Und fördert Klavier spielen die Intelligenz? Auf diese und andere spannende Fragen antwortet der neue Wissens-Podcast "Kosmos Musik" mit der Astrophysikerin und angehenden Astronautin Suzanna Randall. Jede Woche donnerstags eine neue Folge: bei BR Podcast, in der ARD Audiothek und überall, wo es Podcasts gibt.
Peter Schneider schätzt, dass in Deutschland einer von zehntausend Menschen ein Absoluthörer ist. Bei Musikerinnen und Musikern kommt das Phänomen viel häufiger vor, 10% hören absolut. Da frage ich mich natürlich: Liegt es daran, dass Musiker*innen ständig mit Tönen zu tun haben und so ihr Gehör trainieren? Oder ist das absolute Gehör bei manchen Menschen angeboren, die deshalb eher Musik machen?
Besonders viele Absoluthörende gibt es unter Pianistinnen und Pianisten, so der Neurowissenschaftler Peter Schneider. | Bildquelle: picture alliance/Bildagentur-online/Blend Images/Inti St Clair Peter Schneider hat dazu eine Langzeitstudie mit Kindern ab 6 Jahren durchgeführt. Über Jahre hinweg hat er immer wieder Hirnscans der Kinder gemacht. Dabei stellte er fest: Es gibt im Gehirn tatsächlich anatomische Marker für das absolute Gehör, und diese Marker sind genetisch veranlagt. So sind die so genannten Heschl’schen Querwindungen bei Absoluthörern auf der rechten Seite deutlich vergrößert. Hier findet die primäre Klangverarbeitung statt. "Es gibt auch Marker für das relative Gehör, auch für die Fähigkeit, Obertöne oder Grundtöne zu hören." Diese Dominanzen im Gehirn passen zu bestimmten Instrumentengruppen besonders gut. Peter Schneider kann also anhand der anatomischen Marker Menschen entsprechende Musikinstrumente empfehlen. Interessanterweise passen bei Profimusikern Instrument und Marker meistens sehr gut zusammen, so der Neurowissenschaftler.
Fühle ich mich also vielleicht dem Klavier so verbunden, weil die Anatomie in meinem Gehirn gut zu diesem Instrument passt? Das würde ich irgendwann gern mal in einem Hirnscan testen. Und auch, ob mein Gehirn diese Marker für absolutes Hören hat. Dann könnte ich mein Gehör vielleicht in diese Richtung trainieren. 70% ist Veranlagung, 30% ist Training, sagt Peter Schneider über das absolute Gehör. Er spricht als Kirchenmusiker aus eigener Erfahrung. Als Jugendlicher hat er noch nicht absolut gehört. Während des Kirchenmusikstudium nahm er sich vor, sein Gehör zu trainieren. "Ich bin dann überall mit der Stimmgabel rumgelaufen und habe nach einem halben Jahr gemerkt, dass ih plötzlich den Ton C absolut hören kann."
Weil Peter Schneider sehr gut Intervalle erkennt, kann er sich die anderen Töne im Bezug zum C herleiten. Aber auch ohne absolutes Gehör kann man ausgezeichnet Musik machen, sagt mir Schneider. Und ein absolutes Gehör kann in bestimmten Situationen sogar hinderlich sein. "Wenn ein Organist absolut hört, ist das durchaus nicht immer vorteilhaft, weil es viele Orgeln gibt, die anders gestimmt sind und vielleicht einen Ganzton tiefer klingen." Absoluthörer hören dann "falsch" und müssen die Töne erst im Kopf für sich übersetzen.
Sendung: "Allegro" am 3. März 2022 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK
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