Der Krieg zerstört alles. Auch die Natur. Das ukrainische Musiktheaterkollektiv "Opera aperta" bringt mit "GAIA-24" eine Oper für Mutter Erde auf die Bühne: ein künstlerischer Appell ohne erhobenen Zeigefinger, dafür mit Performance-Power, die aufrüttelt.
Bildquelle: Valeriya Landar
Ukrainisches Musiktanztheater "GAIA-24"
Opernexperiment zwischen Krieg und ökologischem Kollaps
Ein ritueller Tanz für Gaia, die antike Erdgöttin. Was würde sie sagen angesichts dessen, was die Menschheit ihr antut? Tagtäglich? Sie nimmt es hin – leidet, zittert, bebt. Und bleibt dabei: Geben, Geben, Geben. Die Menschen dagegen: Nehmen, Nehmen, Nehmen.
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In "GAIA-24. Opera del Mondo" steht Mutter Erde nun im Mittelpunkt. Die beiden Regisseure Illia Razumeiko und Roman Grygoriv haben eine ganz konkrete Umweltkatastrophe zum Anlass für ihr "opera aperta", ihr "offenes Kunstwerk" genommen: die mutmaßliche Zerstörung des Kachowka-Staudamms durch die russische Armee am 6. Juni 2023. Achtzehn Kubikkilometer Wasser sind da geflossen, das entspricht sechsmal dem Starnberger See. Ganze Dörfer und Landschaften wurden einfach weggespült. Hunderttausende haben ihr Zuhause verloren. Genau hier, am Ufer des Dnipro-Flusses, der in den Stausee floss, hat das Team von "GAIA-24" Videosequenzen gedreht:
Du stehst da und siehst, wie die Felder auf der anderen Seite des Flusses brennen, und du hörst die Explosionen.
"GAIA-24", ein Musiktanztheater in elf Sprachen mit kleinen Videosequenzen, ist eine Oper auch über den Krieg, entstanden vor Ort in der Ukraine, als der Krieg schon wütete. Regisseur und Komponist Illia Razumeiko bezieht sich auf den französischen Philosophen Bruno Latour, der im letzten Text vor seinem Tod im Jahr 2022 den Krieg zwischen Russland und Ukraine mit dem Krieg zwischen den Menschen und der Natur vergleicht.
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Uraufgeführt wurde "GAIA-24" im Juni 2024 in Kiew. Später wurde sie auch in anderen Städten gezeigt: bei der Biennale in Venedig, auch in Wien und Rotterdam, zuletzt in Berlin. Die Mitwirkenden leben alle noch in Kiew und machen weiter Kunst – trotz allem. Illia Razumeiko hat sogar ein Projekt gestartet, in dem er mit Kriegsveteranen, die Beine oder Arme verloren haben, nicht mehr sehen oder hören können, Theater macht. Sie alle geben weiterhin ihr Bestes und wollen den Glauben nicht aufgeben, dass Kunst hilft. Dass Musik, Tanz und Theater die Welt zu einem besseren, friedvollen Ort machen können. Auch, wenn diese Überzeugung mit jedem Angriff, mit jeder Bombe massiv in Frage gestellt wird:
Wenn du dem Bösen, der rohen Gewalt, dem Tod gegenüberstehst, gibt es keinen Platz für Dialog.
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Zusammen mit seinem Komponistenkollegen Roman Grygoriv hat Illia Razumeiko das Musiktheaterkollektiv "Opera aperta" gegründet, ein "Laboratorium für zeitgenössische Oper". Benannt ist es nach dem gleichnamigen Buch von Umberto Eco aus dem Jahr 1962. "Offen" ist nach Umberto Eco ein Kunstwerk, wenn der Inhalt des Werkes verschieden lesbar ist. Genau das wollen die beiden. Keine eindimensionale Belehrung, sondern einen offenen Raum schaffen, in dem das Publikum Raum behält für eigene Interpretationen. Fragen stellen statt Antworten geben. Bilder und Klangräume anbieten, die inspirieren oder irritieren. Stark sind die Tanzszenen, teilweise ritualhaft, angelehnt an überlieferte ukrainische Volkstänze. Eindruck hinterlassen auch die improvisierten Tanzszenen, in denen die Künstlerinnen und Künstler mit den Instrumenten tanzen. Und – weil alle unbekleidet sind – die Instrumente plötzlich wie menschliche Körper und menschliche Körper wie Instrumente wirken.
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Razumeiko und Grygoriv bringen politische Themen aus ökologischer Perspektive auf die Bühne. Beispielsweise im Stück "CHORNOBYLDORF" aus dem Jahr 2022, in dem die Rückeroberung des ehemaligen Atomkraftwerks Tschernobyl durch die Natur thematisiert wird. Dort hat sich über die Jahre ein großer Wald entwickelt, in dem wieder wilde Tiere leben. Die Zerstörung der Natur und das Wiedererwachen der Natur sind gleichermaßen Realität und Thema – sowohl in "CHORNOBYLDORF" als auch in "GAIA-24".
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Musikalisch bewegt sich das vom Goethe-Institut geförderte Musiktanztheater in einem vielfarbigen Stilmix von experimentellen Streichersounds über Anklänge an Johann Sebastian Bach, Franz Schubert und Arnold Schönberg bis hin zu Rockmusik und Death Metal. Die Performance ist ein Abbild des Lebens: sehr bunt, mal schrill, mal sanft, mal heiter, mal niederschmetternd.
Eine zentrale Rolle spielt die traditionelle ukrainische Musik mit ihrem kraftvollen, polyphonen Gesang. Sie steht symbolisch für die ukrainische Kultur, die durch den Krieg so massiv angegriffen wird, aber trotz aller Zerstörungsversuche bestehen bleibt.
Die traditionelle Musik stärkt uns. Besonders jetzt in dieser Zeit.
Bildquelle: Valeriya Landar
Auch die Jugend lässt die Folklore hochleben, zum Beispiel bei Partys im Untergrund, wo in Tracht zu traditioneller Musik getanzt wird. Genau an den Locations, an denen sonst Raves laufen.
Absurd ist, dass die traditionelle Musik weltweit immer wieder missbraucht wurde und wird für nationalistische Zwecke. Wo doch gerade sie unterschiedliche Kulturen verbindet, und ein lebendiges Zeugnis dafür ist, wie sich verschiedene Musikstile über Grenzen hinweg begegnen, vermischen und immer weiter entwickeln, wie man beispielweise an dem Einfluss jüdischer Kultur über viele Länder hinweg beobachten kann. Daher ist sich Illia Razumeiko sicher:
Mit Volksmusik könnte man gegen Nationalismus kämpfen.
"GAIA-24" ist Gegenwart. Das Team um Illia Razumeiko und Roman Grygoriv hofft auf viele weitere Auftrittsmöglichkeiten. Die Stimme von Mutter Erde spricht zu uns allen. Die Botschaft dieser "Opera del Mondo" ist global:
Jede Form von Kunst, die wir in diesen Tagen machen, ist eine große Feier des Lebens und gleichzeitig des Schmerzes, des Kämpfens und der Freiheit.
Leporello, 4. April 2025, 16:03 Uhr, BR-KLASSIK
Musik der Welt, 5. April 2025, 19:05 Uhr, BR-KLASSIK