Was auf Richard Wagners Bayreuther "Grünem Hügel" geschieht, hat immer wieder Maßstäbe gesetzt. So ist der 18. August 1931 ein Festspiel-Tag, der als "historisch" bezeichnet werden kann. Diesmal jedoch nicht nur aus künstlerischen Gründen.
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Wilhelm Furtwängler dirigiert "Tristan und Isolde". Über Kabel und Funk wird die Aufführung in 200 Länder übertragen, die Reichweite beträgt 24 Millionen Empfangsgeräte. Per Kurzwelle sind sogar Hörer in Nordafrika und Nord-Amerika mit dabei, als Isolde zu Klängen des Festspielorchesters ihren Liebestod stirbt. In der Opernpause gibt es Vorträge in deutscher, englischer und französischer Sprache. Der epochale Radio-Tristan ist ein internationales Großereignis, wie es in der Geschichte des Mediums Rundfunk bisher noch nicht stattgefunden hat.
"Ein erhebender Gedanke, sich vorzustellen, dass die auf diese Weise in die Millionen gehende Hörerschaft auch in entferntesten Gegenden der Welt ein deutsches Kunstwerk zu hören bekam", so schwärmt das Rundfunk Jahrbuch 1931.
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Bildquelle: BR, Historisches Archiv Die epochale Opern-Übertragung, die der Festspielprinzipalin Winifried Wagner einen willkommenen Tantiemen-Segen von 30.000 Reichsmark beschert, ist ein so innovatives wie ehrgeiziges Projekt. Der technische Aufwand ist enorm. Vier Mikrophone werden im Festspielhaus installiert, eine Verstärkeranlage eingebaut, eine Freileitung zum nächsten Fernmelde-Verstärkeramt gelegt. Von dort geht das akustische Signal über München nach Berlin, und von dort weiter rund um den Globus.
Anfang der 1930er-Jahre steckt die so genannte "Funkindustrie" noch in ihren Kinderschuhen. Die Inbetriebnahme des ersten deutschen Senders liegt gerade acht Jahre zurück. Deshalb ist die Bayreuther Live-Übertragung ein Experiment. Ein Ausloten, was mit dem neuen Massenmedium künstlerisch, kommerziell und technologisch möglich ist.
Der 18. August 1931. Die Aufführung im Festspielhaus beginnt um 16 Uhr. Bald nach Schlussapplaus treffen Glückwunschtelegramme ein; die internationale Presse ist begeistert. Aber es melden sich auch kritische Stimmen.
"Man darf über die Freude an dem künstlerischen Gewinn für den Rundfunk nicht vergessen, dass diese Form der rein klanglichen Wiedergabe eines Bühnenwerkes den Grundgesetzen Wagnerscher Theorie der untrennbaren Einheit von Sprache, Musik und Darstellung widerspricht."
Was geschieht mit einem Kunstwerk, wenn man es in ein mediales Umfeld stellt? Es ist eine Diskussion, die bis heute besteht.
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