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Kritik – Piazzollas Tango-Oper "María de Buenos Aires" in Immling Der Schmerz, der Tod – und die Musik

"Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann" – das hat der argentinische Komponist Enrique Santos Discépolo gesagt. Die Tango-Oper "María de Buenos Aires" seines Landsmanns Astor Piazzolla ist voll von traurigen Gedanken. Sie erzählt die Geschichte von Leben und Tod Marías, die als Glückssucherin aus einem Vorort nach Buenos Aires kommt, dort in einem Arbeiterviertel stirbt und zum Mythos wird. Das Immling Festival im Chiemgau hat dieses verrätselte Stück in diesem Sommer auf den Spielplan gesetzt.

Szene aus "Maria de Buenos Aires“ auf Gut Immling, Inszenierung Juli 2023 | Bildquelle: Gut Immling

Bildquelle: Gut Immling

Tango – das klingt erst einmal nach Tanzkurs und Fernweh, nach ein bisschen verruchter Erotik und nach sehr beweglichen Beinen. Damit konnte Astor Piazzolla gar nichts anfangen. Er hat den Tango dort aufgespürt, wo er entstanden ist – in den Spelunken der argentinischen Hauptstadt. Und er hat ihn – was ihm viele Landsleute verübelt haben – bearbeitet, mit anderem Instrumentarium versehen, kurz: er hat ihn salonfähig gemacht. Er habe den Tango verraten, hieß es in den 1960er-Jahren. Mit seiner Oper "María de Buenos Aires" hat er ihn an seinen Ursprungsort zurückgebracht – in die Welt der Bettler, Zuhälter und Obdachlosen.

Surrealistische Poesie als Waffe gegen das Regime

Szene aus "Maria de Buenos Aires“ auf Gut Immling, Inszenierung Juli 2023 | Bildquelle: Gut Immling Bildquelle: Gut Immling Es ist finstere Nacht in der ehemaligen Reithalle in Immling. Seltsame Gestalten bevölkern die Bühne – auffallend kostümierte Nachtschattengewächse mit Gesichtsmasken und exotischem Kopfputz, ein Tänzer und eine Tänzerin im blauen Kleid, später ein Harlekin, drei Marionetten, zwei Engel, ein Affe, der Tod. Und schließlich eine ganze Zirkusfamilie. Es dauert ein paar Minuten, bis sich das Ensemble (und mit ihm das Publikum) eingroovt auf diese Welt. Wo sind wir da? Der Blick auf die Übertitel ist keine Hilfe – das überpoetisierte Libretto des uruguayischen Dichters Horacio Ferrer (den sich Piazzolla unbedingt gewünscht hatte) hat schon das Uraufführungspublikum vor 55 Jahren heillos überfordert. Surrealistische Poesie als Waffe gegen das Regime – das Werk ist 1968 in einer der vielen Diktaturen Argentiniens entstanden und erzählt natürlich vom Tod. Aber auch vom sich Aufbäumen, vom Lebenwollen.

Piazzollas nachtschwarze Tangowelt – zum Weinen schön

Von den ersten Takten an nimmt uns das Immlinger Festspielorchester unter Cornelia von Kerssenbrock geschmeidig und ungemein sinnlich direkt mit hinein in Piazzollas nachtschwarze Tangowelt – mit großartigen Solistinnen und Solisten an Geige, Gitarre und Bandoneon. Das lockt und seufzt und klagt. Und klingt zum Weinen schön.

Von großer authentischer Selbstverständlichkeit

Szene aus "Maria de Buenos Aires“ auf Gut Immling, Inszenierung Juli 2023 | Bildquelle: Gut Immling Bildquelle: Gut Immling Regisseurin Verena von Kerssenbrock stellt sich der Dunkelheit und nimmt immer wieder dieser Nacht die Düsternis. In sich verdrehte weiße Stoffbahnen teilen die breite Bühne, auf der sich in vielen Szenen Dutzende von Menschen tummeln. Schon bald erreicht diese Aufführung eine große authentische Selbstverständlichkeit, eine schwer zu beschreibende Leichtigkeit in großer Trauer.

Das Riesenensemble wird exakt geführt, in immer wieder anderes Licht getaucht, von fahlem Grün bis zu blutrot. Die bis zur Perfektion geprobten Sprechchöre (in spanischer Sprache!) sorgen für Gänsehaut. Von immenser Präsenz Karlos Klaumannsmoller, der uns als Geist und Erzähler durch die Geschichte führt. Gefeiert wird (neben den beiden jungen Tenören Leonardo Navarro und Oscar Ore) Flaka Goranci als María für ihren satten Contralto-Sound – an diesem beglückenden Abend, an dem alles wundersam verschwimmt: Pathos und Todesmagie, Traum und Realität, Mann und Frau, Begehren und Loslassenmüssen, Sterben und Wiedergeborenwerden.

Sendung: "Piazza" am 15. Juli ab 8:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (2)

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Dienstag, 18.Juli, 13:16 Uhr

Herbert Gurth

Was für ein wunderbar formulierter und inhaltlich schlüssiger Artikel. Leider findet man auf dieser Seite oft schlecht getextete Beiträge, und dieser ist eine wohltuende Ausnahme.
Zudem finde ich es gut, daß auch einmal eine Produktion abseits der Festivals, die sich kein normaler Mensch leisten kann, besprochen wird.

Sonntag, 16.Juli, 22:25 Uhr

Gualterio Worlicek

Maria de Buenos Aires

Tango ist, wie oben gesagt, Schmerz , Liebe und Trauer und geht bis ins Innerste der Seele.
Wünsche den Aufführungen den besten Erfolg

Einer aus Buenos Aires

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