Wenn es den Musikerinnen und Musikern hilft, schreibt Angelika Jekic auch für jeden eine eigene Stimme. Denn ihr ist wichtig, dass sich alle entsprechend ihrer Stärken einbringen können. Auch sonst ist ihr Inklusionsorchester "Die Bunten" in Augsburg besonders. Zum zehnjährigen Bestehen spricht sie im Interview mit BR-KLASSIK darüber, was das Orchester einzigartig macht.
Bildquelle: Die Bunten
BR-KLASSIK: Geben Sie uns mal einen Einblick in Ihr Orchester "Die Bunten", welche Instrumente werden da gespielt?
Angelika Jekic: Die meisten meiner Musiker spielen auf einer Tischharfe. Die kann man mit zwei Händen oder auch mit einer Hand spielen. Dann gibt es Blockflöten, ein großes Schlagwerk, Akkordeon, Klavier, Gitarre, Bassklangstäbe, eine Bratsche, Querflöte – alles bunt gemischt.
BR-KLASSIK: Gar nicht so einfach, ein Stück für diese Besetzung zu finden. Wie machen Sie das?
Angelika Jekic: Ich wähle mit den Musikern zusammen aus und gehe gerne auf Wünsche ein. Wir spielen auch mal aktuelle Hits oder Lieder. Die meiste Arbeit macht tatsächlich das Arrangieren für die Besetzung. Für jedes Instrument und eigentlich für jeden Musiker muss eine passende Stimme geschrieben werden. Mein wichtigstes Anliegen ist, dass jeder mit seinen Fähigkeiten im Orchester mitspielen kann. Da gibt es unterschiedliche Level und ich möchte die Stimmen an die jeweiligen Musiker anpassen.
BR-KLASSIK: Machen Sie eine Aufnahmeprüfung oder kann mitspielen, wer Lust hat?
Angelika Jekic: Es gibt keine Voraussetzungen. Der Vorteil bei der Tischharfe ist, dass wir keine Noten lernen müssen, das funktioniert über eine bestimmte Notation, eine Griffschrift. Wir spielen entlang gewisser Punkte. Alle anderen Musiker spielen nach ihrem Level. Eine Aufnahmeprüfung gibt es nicht. Wer kommt, spielt mit. Wenn es für jemanden zu schwer ist oder ich merke, dass jemand auch eine virtuosere Stimme spielen könnte, dann passe ich das den Gegebenheiten und dem Spielniveau der Musiker an.
Was Menschen nicht können, interessiert mich nicht.
BR-KLASSIK: Das heißt, Sie haben 65 verschiedene Persönlichkeiten in Ihrem Kopf und reagieren individuell auf deren Bedürfnisse?
Das Inklusionsorchester "Die Bunten" setzt auf die Stärken der Menschen. | Bildquelle: Die Bunten
Angelika Jekic: Es ist mein oberstes Ziel, dass es eine Teilhabe an einem kulturellen musischen Leben geben kann, darf, muss. Das Orchester ist für alle offen. Ich verstehe Inklusion nicht so, dass wir Menschen mit Beeinträchtigung in irgendeine Gruppe inkludieren, sondern jeder, der kommt, wird inkludiert, ob er eine Beeinträchtigung hat oder nicht. Inklusion muss im täglichen Leben geschehen. Und ich muss Respekt haben, den Menschen offen zu begegnen. Für mich zählt: Wo ist die Stärke dieses Musikers oder was besitzt er an guten Fähigkeiten? Was Menschen nicht können, interessiert mich nicht. Ich möchte das fördern, was die Leute gut können. Wenn jemand mit einer Hand gut musizieren kann, dann bekommt er eine Stimme für eine Hand. Wir inkludieren auch Menschen ohne Beeinträchtigung, die den Weg zu uns gefunden haben, eine Gruppe suchen, sich engagieren wollen, sei es auch im Helferbereich.
Klassik exklusiv? Obwohl die UN-Behindertenrechtskonvention ein Recht auf kulturelle Teilhabe festschreibt, sind Menschen mit Behinderungen immer noch ausgegrenzt im Musikbetrieb.
BR-KLASSIK: Gibt es Lieblingsstücke in der Gruppe?
Angelika Jekic: Unser Abschlussstück war lange der Hit "Wer hat an der Uhr gedreht?". Das lieben wir. Oder "Freude schöner Götterfunken". Aber auch Stücke wie "Es tönen die Lieder" oder der "Elefantenmarsch".
BR-KLASSIK: Wie ist denn das Altersspektrum in der Gruppe?
Angelika Jekic: Der jüngste Musiker ist neun Jahre alt und spielt Akkordeon. Und ich würde sagen, es geht bis 85 Jahre.
BR-KLASSIK: Wie laufen die Vorbereitungen auf das Konzert, ist da schon Aufregung zu spüren?
Angelika Jekic: Ja, wir sind schon sehr freudig gespannt. Das ist übrigens ein großer Unterschied zu anderen Ensembles: Wir brauchen für die Konzertvorbereitung etwas länger, weil die Musikstücke einfach sehr im Ohr und verinnerlicht sein müssen. Für uns sind Strukturen sehr wichtig, auch die Vorbereitung im Konzertraum, dass wir uns neu orientieren. Ich habe jetzt extra den Proberaum gewechselt, damit wir ein bisschen Erfahrungen sammeln, wie wir uns schnell in einem anderen Raum zurechtfinden. Das ist eine kleine Herausforderung, wenn da Aufregung dazu kommt. Aber meine "Bunten" haben Tag und Nacht geübt und schaffen das.
Das Jubiläumskonzert zu zehn Jahre "Die Bunten" findet am 6. April um 11.00 Uhr im Parktheater im Kurhaus Göggingen statt.
Sendung: "Allegro" am 3. April 2025 ab 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK
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