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Kritik - "Il Trittico" in Weimar Tränen lügen nicht!

Eingängige Musik, die von Herzen kommt und gerade deshalb oft als "rührselig" verspottet wird: Puccini bewährt sich am Deutschen Nationaltheater gleich dreifach als Fachmann für emotionale Ausnahmezustände und wässrige Augen. Das Publikum war begeistert.

Szenenbild,"Il trittico" von Giacomo Puccini in Weimar, Mai 2024 | Bildquelle: © Candy Welz

Bildquelle: © Candy Welz

Puccini-Opern sind eine ziemlich feuchte Angelegenheit. Der Mann verstand sich auf echte und falsche Tränen, auf bittere und süße, sogar auf Lachtränen, kurz und gut: Puccini ist der unerreichte Meister der Gefühligkeit, was gegen ihn sprechen kann, aber nicht muss. Tränen können bekanntlich in jeder Hinsicht erleichtern, und das fand bekanntlich schon Aristoteles ziemlich gut, jedenfalls im Theater.

Womöglich ließ Regisseur Dirk Schmeding von seinem Ausstatter Ralf Käselau für die Premiere von Puccinis tragisch-komischem Dreiteiler "Il Trittico" deshalb einen Wasserspender auf die Bühne des Deutschen Nationaltheaters in Weimar aufstellen. Da konnten die Mitwirkenden jederzeit ihren Durst stillen – große Gefühle und Premieren-Stress machen ja manchmal einen trockenen Gaumen. Aber wer weiß, vielleicht war auch ein Tränenspender im Einsatz, denn das begeisterte Publikum hatte am Ende in der Tat feuchte Augen.

Regisseur Dirk Schmeding spielt selbst mit

Dabei zeigt Puccini in diesem Fall nichts weiter als drei Sozialstudien, die früher mal als "Sittengemälde" bezeichnet wurden. Im "Mantel" geht es um das Arbeitermilieu, in der "Schwester Angelika" um das Klosterleben, im Schwank "Gianni Schicchi" um die Kleinbürgerwelt. Und in all diesen gesellschaftlichen Nischen scheitern die Menschen an ihrem Versuch, glücklich zu werden, zwei Mal tragisch, einmal komisch. Grund dafür: Der "Notausgang" ist immer verstellt, die scheinbare Lösung erweist sich als trügerisch. Alle bleiben auf der Strecke, ihre Hoffnungen unerfüllt. Das ist plakativ und wirkt als Dreiteiler schnell unfreiwillig komisch, weil Puccini seine jeweils einstündigen Geschichten aufs Allernötigste verknappt.

Allerdings hat Regisseur Dirk Schmeding, der wegen eines Krankheitsfalls übrigens selbst mitspielte, nicht den falschen Ehrgeiz, diese Sozialstudien realistisch abzubilden. Er zeigt sie als Theater auf dem Theater, als Mummenschanz, was hervorragend funktioniert. Das Publikum darf quasi dabei sein bei einem Rundgang durch die Tränenproduktion und hier und da etwas nippen am bittersüßen Novellenstoff. Der gewitzte Testamentsfälscher Gianni Schicchi findet sich bereits in Dantes "Inferno" und schmort somit seit 700 Jahren in der Hölle: Dass er immer noch höchst zeitgemäß wirkt, spricht nicht gerade für die Veredelung der Menschheit.

Musikalisch klappt nicht alles

Musikalisch blieben leider ein paar Wünsche offen: Dirigent Dominik Beykirch hätte etwas mehr aufs Gaspedal treten müssen und Puccini nicht ganz so vorsichtig interpretieren sollen. Klar, viele Dirigenten möchten Kitsch vermeiden, die Partitur entschlacken, aber hier wirkte sie eine Spur zu gleichförmig und unbeteiligt. Unter den zahlreichen Solisten waren die Sopranistinnen Camila Ribero-Souza im "Mantel" und Heike Porstein in der Titelrolle der "Schwester Angelika" zwar stimmlich durchschlagskräftig und präsent, aber in den emotionalen Ausbrüchen doch ziemlich schneidend. Ylva Stenberg als Lauretta, die deutlich weniger zu singen hatte, wirkte vergleichsweise warmherziger und anrührender. Die Männer machten ihre Sache durchweg beachtlich, wenn auch nicht immer schauspielerisch mitreißend. Heiko Trinsinger als sehr kurzfristiger Einspringer in der Titelrolle von "Gianni Schicchi" hatte einen besonderen Applaus verdient.

Insgesamt ein erfreulich unsentimentaler, höchst unterhaltsamer Puccini-Abend: Tränen lügen nicht!

Sendung: "Allegro" am 21. Mai ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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