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Musikthearapie bei Demenz Musik baut Brücken zu Emotionen

Musik kann Menschen mit Demenz häufig noch erreichen, auch wenn sie sich sonst nicht mehr verbal ausdrücken können. Wie das funktioniert, darüber spricht Musiktherapeutin Tabea Thurn im Interview mit BR-KLASSIK. Menschen mit demenzkranken Angehörigen empfiehlt sie: Nur Mut. Und wenn möglich einfach Ausprobieren.

Ein alter Mann singt zur Musik, die er mit Kopfhoerer hoert. Symbolbild. | Bildquelle: picture alliance / photothek | Ute Grabowsky

Bildquelle: picture alliance / photothek | Ute Grabowsky

BR-KLASSIK: Frau Thurn, gab es ein Erlebnis, wo Sie als Therapeutin gemerkt haben: Musik kann helfen?

Tabea Thurn: Ich habe das schon viel früher erlebt, in meiner Jugend. Ich habe mit meinem Bruder zusammen ein Konzert in einem Seniorenheim gegeben, ich an der Geige, er am Klavier. Wir haben ein paar einfache, bekannte klassische Melodien gespielt, "Ave Maria" und so. Da haben wir ganz viele Rückmeldungen bekommen, auch vom Pflegepersonal: Dass sich auf einmal wieder Leute geäußert haben, die teilweise schon lange nichts mehr gesagt haben. Oder dass Menschen wieder Gefühle gezeigt haben, die schon ganz zurückgezogen waren.

Musik kann Menschen mit Demenz erreichen

BR-KLASSIK: Und als Therapeutin?

Tabea Thurn: Als Therapeutin könnte ich viele Geschichten anführen. Nur ein Beispiel: Ein Mann mit einer beginnenden Demenz, den ich ein paar Jahre begleitet habe. Seine kognitiven Fähigkeiten haben immer mehr nachgelassen. Aber in unseren Musikeinheiten war er noch zu erreichen, vor allem mit kirchlicher Musik und kirchlichen Liedern. Er war sehr religiös, ist evangelisch aufgewachsen. Auf einmal sagte er zu mir: Bist du evangelisch? Oder fragte: Wann kommst du wieder? Und er konnte sich ganz lange merken, dass wenn ich komme, wenn die Musik kommt, dass dann Freitag ist.

Bestimmte Gebiete im Gehirn wenig betroffen

BR-KLASSIK: Wie funktioniert das denn, kann die Musik die Demenz sozusagen austricksen oder spricht sie eine Region im Gehirn an, die weniger von der Demenz in Mitleidenschaft gezogen wurde?

Tabea Thurn: Das ist definitiv so. Es gibt zwei Areale im Gehirn, die ganz wenig nur vom demenziellen Verfall betroffen sind, die sind relevant für das musikalische Langzeitgedächtnis und die Verortung von Rhythmus. Deshalb können sich auch Menschen, die sich schon lange nicht mehr verbal am Alltag beteiligen können, auf einmal noch an fünf Strophen eines Liedes erinnern und sich dann doch verbal äußern.

BR-KLASSIK: Gibt es einen Zusammenhang mit Musizieren in der Kindheit und Jugend?

Tabea Thurn: Jein. Natürlich, wenn etwas im Gehirn vorhanden ist, kann ich es auch irgendwie wieder herauskitzeln. Es kommt auch darauf an, welche Areale betroffen sind. Wir hatten schon einen Mann mit frontotemporaler Demenz. Er war Sänger in einem Gesangverein, die Musik war sein Leben. Als er dement wurde, hat seine Familie ihn leider nicht mehr über Musik erreichen können – und zwar Null. Sie haben mit ihm gesungen, im Fernsehen Musikshows angeschaut, ihm Musik vorgespielt. Musik ist also kein Patentrezept per se. Es gibt immer auch andere oder negative Reaktionen.

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Musik erreicht Patienten auf emotionaler Ebene

BR-KLASSIK: Was funktioniert denn gut?

Tabea Thurn: Musik setzt bei den Emotionen an. Sie holt uns oder speziell Menschen mit Demenz auf einer emotionalen Ebene ab. In der Demenz ist es so: Unsere Kognition geht zurück. Dafür gewinnt die emotionale und sinnliche Wahrnehmung an Bedeutung. Da dockt die Musik an. Diese intrinsische Wirkung, dass man mitgenommen wird, dass Musik zur Bewegung anregt oder positive Emotionen auslöst. Und zwar Musik allgemein, unabhängig davon, ob jemand ein bestimmtes Stück kennt oder nicht.

Musik setzt bei den Emotionen an. Sie holt Menschen mit Demenz auf einer emotionalen Ebene ab.
Tabea Thurn

Ausprobieren und Glück

BR-KLASSIK: Dass jemand den Rhythmus aufnimmt, vielleicht mit einer Hand mitklopft und Musik in den Körper übergeht – gibt es da stilistische Unterschiede in der Musik? Oder sprechen Menschen mit Demenz auf Musik der 1950er genauso an wie auf Barockmusik?

Tabea Thurn: Das ist total unterschiedlich und immer ein großes Ausprobieren. Wenn ich zu Klienten komme, von denen ich keine biografischen Informationen habe, dann probiere ich als erstes die Musik ihrer Jugend oder aus ihrem jungen Erwachsenenalter aus. Aber ich habe auch schon ganz viel ausprobiert, und es ist nichts passiert. Dann braucht man Glück. Einmal habe ich dann einfach die Vogelhochzeit gesungen - und auf einmal fängt der Klient an zu klatschen, obwohl ich vorher alles Mögliche ausprobiert habe. Überraschenderweise funktionieren oft Kinderlieder und Weihnachtslieder gut. Diese Lieder sind stark mit Emotionen verbunden.

Berührende Erlebnisse

BR-KLASSIK: Berührt Sie so ein Moment?

Tabea Thurn: Total. Auch weil man denkt: Jetzt habe ich es geschafft. Das war auch ein "Nichtsprecher" und schon weit fortgeschritten im kognitiven Verfall. Das Erlebnis war ein Icebreaker.

BR-KLASSIK: Geht es vor allem um das Hören von Musik oder gibt es auch Erfahrungen, wo Menschen das Bedürfnis hatten, selbst Musik zu machen, zu singen oder ein Instrument zu spielen?

Tabea Thurn: Ein Klavier gab es bisher in keiner Einrichtung, aber ich nutze einfache Instrumente. Da erlebe ich, dass sich bei manchen der Blick weitet und Leute lächeln, weil sie merken: Ich kann etwas, ich produziere schöne Töne. Ich hatte auch einen Klienten, der Akkordeon spielte. An guten Tagen hat er nach Gehör Volkslieder gespielt. Er stammte aus der Ukraine, war Lehrer gewesen und erinnerte sich an eine traditionelle Melodie, die immer an Hochzeiten gespielt wurde. Er hat mir erzählt, dass er mit seinem Onkel und seinem Vater zu Feierlichkeiten in der Familie Musik gemacht hat. Das war für ihn eine Ressource, wo er sich richtig toll gefühlt hat. Für ihn war es aber schlimm zu merken, wenn er nicht mehr spielen konnte.

Mut haben und Musik anbieten

BR-KLASSIK: Haben Sie eine Idee für Menschen mit einer dementen Person in ihrem Umfeld?

Tabea Thurn: Ich möchte ermutigen, es einfach auszuprobieren und ein Lied mitzunehmen, wenn man einen Angehörigen besucht. Man kann überlegen, welche Musik im Leben eine Rolle gespielt hat, welche Lieder gesungen oder welche Musik gehört wurde. Da mutig sein, auch in Situationen, die vielleicht unangebracht scheinen oder wenn man das Gefühl hat, die Person ist traurig oder schlecht drauf – trotzdem Musik anmachen. Man kann auch jemanden in der Bewegung aktivieren, tänzerische Bewegungen machen, im Sitzen mit den Armen mitgehen und die Musik gemeinsam erleben. Einfach anbieten, auch mal singen oder summen. Vielleicht gibt es ein kurzes Aufhorchen und vielleicht schafft man es, jemanden aus einer negativen Emotion rauszuholen. Wer sich da nicht sicher fühlt, kann auch eine schöne Melodie am Handy oder mit einer Box abspielen und schauen, was passiert.

Sendung: "Leporello" am 3. April 2025 ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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