Ein musikalisches Genie vereint Naivität und Ironie. Das hat der Komponist Carl Friedrich Zelter gesagt. Gemünzt hat er den Satz auf Joseph Haydn. Ein gefundenes Fressen für den Pianisten und Haydn-Fan Alfred Brendel, der in seinem neuesten Buch dem oft unterschätzten Klassiker ein Denkmal setzt – und uns so nebenbei auch noch in die musikalische Welt von Mozart, Beethoven und Goethe mitnimmt.
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Mit Naivität an Musik herangehen, ein Regelwerk erstellen, dann mit diesen Regeln spielen – und sie auch mal ironisch brechen: Das macht einen großen Komponisten aus. Sagt Alfred Brendel. Denn nur wer Regeln bricht, kommt auch voran und schafft Neues. Naivität und Ironie – diese Kombination war Mozart und Beethoven gegeben. Und vor allem dem widersprüchlichen Joseph Haydn, dem oft als "bloßen Steigbügelhalter" der modernen Musik unterschätzten formbewussten Abenteurer.
"Die weit verbreitete Humorlosigkeit" sieht Alfred Brendel als Grund dafür, dass Joseph Haydn immer noch gern unterschätzt wird. | Bildquelle: picture-alliance/dpa
"Er war der Hausfreund, der immer willkommen ist, uns aber nichts Neues mehr zu bieten hat, oder auch ein Meister der Überraschung, (…) als ob plötzlich ein Clown auf der Bühne erschiene." Haydns Musik braucht ein Publikum, das sich auf diese Überraschungen einlässt, das sich zu lachen erlaubt. Gar nicht so einfach, meint Brendel: "Neben der verwirrenden Vielfalt seines Schaffens ist es die weit verbreitete Humorlosigkeit, die ich als einen Hauptgrund dafür sehe, dass Haydn immer noch gerne unterschätzt wird."
Er war ein Meister der Überraschung.
Dieses in jeder Hinsicht federleichte und doch so gehaltvolle Büchlein mit seinen 140 Seiten bringt uns neben Haydn auch ganz unaufgeregt Mozart näher ("kein Blumenkind", dafür aber "Empfindsamkeit und frische Luft, Temperament und Kontrolle, Entzücken und Erschauern"). Und ganz nebenbei erklärt uns Brendel, was Beethoven braucht (auf keinen Fall einen Pianisten, der die Sechzehntel spielt "als ob er Erbsen zählte").
"Naivität und Ironie" – das ist ein herrlicher philosophisch-musikalischer Gemischtwarenladen – gut sortiert, für alle was dabei. Immer unterhaltend, nie belehrend. Sehr belesen, nie aufdringlich. Literarisch, anregend, humorvoll.
"Naivität und Ironie": Alfred Brendels Ton in den Essays und Gesprächen ist geprägt von der Gelassenheit des Alters. | Bildquelle: picture-alliance/dpa
"Sie stellen so ernsthafte Fragen!" sagt Alfred Brendel an einer Stelle milde tadelnd zu seinem Interviewpartner - in einem Gespräch über den Roman, das ebenfalls in diesem Buch abgedruckt ist. Schon früh hat sich Brendel in der Literatur versucht; als Jugendlicher hat er 24 Sonette geschrieben, "was mich für den Rest meines Lebens von dieser Tätigkeit geheilt hat."
Alles hatte und hat anscheinend seine Zeit im Leben des Alfred Brendel. Und so ist der Ton in diesen Essays und Gesprächen auch geprägt von der Gelassenheit des Alters. Geschrieben von einem, der die Glorie des "reifen" Interpreten eher nicht für sich beansprucht: "Wenn es einen Altersstil in der Interpretation gibt, dann ist es ein Kompromiss mit der Arthritis."
Was man zu sagen vermag, bleibt immer unvollständig.
Auftritte als Pianist sind für Brendel schon seit Jahren kein Thema mehr. Was er bis heute (mit über 90 Jahren) nie aufgehört hat, ist, über Musik zu denken und zu schreiben, "ohne dabei Unsinn zu reden." Aber so schön es ist, sich und anderen die großen Meister ein bisschen vertrauter zu machen - irgendwann muss es auch mal gut sein. Man kann nicht alles verstehen – egal, ob bei Beethoven, Haydn oder Schubert. Ein kleines Geheimnis mag gerne bleiben, findet der Autor: "Was man zu sagen vermag, bleibt immer unvollständig – eine unzulässige Vereinfachung. Die obersten Stockwerke der Türme möchten nicht sichtbar werden."
Sendung: "Allegro" am 12. März 2025 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK
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