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95. Geburtstag von Lorin Maazel Glamouröser Pultstar

Vor mehr als zehn Jahren ist Stardirigent Lorin Maazel auf seiner Ranch in Virginia gestorben. Noch zwei Jahre vorher hatten die Münchner Philharmoniker ihn als Chefdirigenten verpflichtet. Maazel wurde "Alleskönner" genannt. Außer Geige und Klavier beherrschte er weitere Instrumente – und lehrte seinen Musikern schon mal das Fürchten, wenn er ihnen Solo-Passagen auf ihren Instrumenten vorspielte. Dazu komponierte er. Weltberühmt aber wurde er als Dirigent. Nun wäre er 95 geworden. Ein Porträt.

Der Dirigent Lorin Maazel | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Alle Beethoven-Symphonien an einem Tag

Für ihn konnten Partituren gar nicht kompliziert genug sein, nichts war dem "Alleskönner" zu schwer: Lorin Maazel war ein Allrounder, dessen Repertoire vom Barock bis zur Moderne reichte. Ein Mann der Superlative, der 1988 in London einmal mit drei verschiedenen Orchestern alle neun Beethoven-Symphonien an einem Tag dirigierte. Maazel hatte die Kondition eines drahtigen Tennisspielers und Langstreckenläufers, reaktionsschnell und strategisch überlegen. Mit seinem untrüglichen Sinn für Klangdisposition und seiner unnachahmlich eleganten Schlagtechnik verblüffte der amerikanische Perfektionist Orchester und Publikum.

Dirigieren ist wie ein Spaziergang

Lorin Maazel war – darin ganz Amerikaner – ein glamouröser Pultstar, der bei TV-Events gern mal im weißen Dinner-Jacket auftrat. Dabei konnte sich der Vollprofi auf ein absolutes Gehör und ein geradezu fotografisches Gedächtnis verlassen – was Maazel im Gespräch einmal augenzwinkernd dementiert hat: "Gottlob nicht, denn sonst müsste ich ja im Kopf dauernd umblättern – genau wie die Dirigenten, die kein solches Gedächtnis haben. Das Umblättern ist furchtbar! Aber wenn ich ein Stück durch Studium und Analyse draufhabe, bleibt der optische Eindruck der Partitur bei mir ziemlich klar im Kopf. Ich verlasse mich jedoch nicht darauf. Ich will wissen, wie das Stück zusammengesetzt ist, was der Komponist wollte – und das kann man nicht allein durch Notenlesen bekommen. Aber wenn ich das mal verinnerlicht habe, fließt die Musik wie das Blut durch den Körper – dann ist eine Aufführung wie ein Spaziergang."

Wenn ich das mal verinnerlicht habe, fließt die Musik wie das Blut durch den Körper.
Lorin Maazel

Ganz normale Kindheit?

Lorin Maazel war ein totaler Überflieger, ein Jahrhundert-Talent. Im großbürgerlichen Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine wird Lorin Maazel 1930 geboren – und wäre nun 95 Jahre alt geworden. Seine Eltern stammten aus einer russisch-jüdischen Künstlerfamilie. Als Kinderstar "Little Maazel" debütierte Lorin mit acht Jahren als Geiger und Dirigent, Leopold Stokowski und Arturo Toscanini förderten das Wunderkind. Zugleich sagt Maazel: "Ich hatte das Glück, intelligente Eltern zu haben, die damals versuchten, meinen Wunderkind-Status nicht auszuschlachten." Er habe im Alter zwischen acht und fünfzehn Jahren nur 50 Konzerte gegeben. Und Zeit zum Durchatmen gehabt. "Ich war wie jeder normale Bub in der Schule, habe Sport gemacht und Ferien gehabt. Das war fast ein normales Leben."

Weltweites Renommee

Aber eben nur fast. Denn Maazel spricht sieben Sprachen, seit seiner Kindheit ist er professioneller Geiger, in höherem Alter reüssiert er als Komponist – 2005 bringt er an Londons Covent Garden seine Orwell-Oper "1984" zur Uraufführung. Früh öffnen sich für ihn die Türen der Bayreuther Festspiele und der Salzburger Festspiele. Maazel leitet Spitzenorchester in Europa, in Cleveland, Pittsburgh und spät noch in New York.

Doch auch Maazel scheitert als Staatsoperndirektor bald am Wiener Intrigantenstadl: Nach zwei Jahren im Amt schmeißt er nach einem Zerwürfnis mit der österreichischen Kulturbürokratie 1984 hin. Dennoch bleibt er den Wiener Philharmonikern eng verbunden – ihr Neujahrskonzert leitet er rekordverdächtige elf Mal. Zu Erfolgen gehören auch Niederlagen, die Maazel süffisant weglächelt. Denn als sich die Berliner Philharmoniker nach dem vorzeitigen Vertragsende Herbert von Karajans 1989 für Claudio Abbado als Nachfolger entscheiden, bedeutet das für den erfolgsverwöhnten Anwärter Maazel eine empfindliche Kränkung.

Harte Probendisziplin und komplette Zyklen

Ein besonderes Feeling hatte Maazel für den französischen Impressionismus, insbesondere für die raffinierte Klangwelt Maurice Ravels – seine Pariser Einspielung von "L'Enfant et les sortilèges" ist eine Kostbarkeit innerhalb seiner riesigen Diskographie. Den zauberhaften Opern-Einakter dirigiert Maazel 1964 auch bei der musica viva – fast dreißig Jahre später wird er vierter Chefdirigent in der Geschichte des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Zwischen 1993 und 2002 erarbeitet Maazel mit dem BRSO in harter Probendisziplin die komplette Symphonik von Beethoven, Schubert, Brahms, Bruckner, Mahler und Strauss – und poliert sie auf Hochglanz. Die zyklischen Aufführungen werden zum Markenzeichen seiner Münchner Ära.

Die Chefdirigenten des BRSO

Lorin Maazel war der vierte Chefdirigent beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Mehr über die Reihe der Chefdirigenten des BRSO lesen Sie hier.

Repertoire-Aufbau beim BRSO

Das hatte ganz praktische Gründe, wie Maazel erklärt: "Ich wollte ein Repertoire aufbauen, das man immer wieder auffrischen konnte. Das hat doch eine Weile gedauert, weil man vorher beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks weniger auf Tournee gegangen ist, sodass das Repertoire ein bisschen zerfasert war." Laut Maazel studierte das Orchester etwas ein, führte es auf –und vergaß die Werke dann wieder. "Ich habe das dann so organisiert, dass wir die Stücke, die wir wirklich durchgearbeitet hatten, immer parat hatten. Und das hat zu dem Ergebnis geführt, dass wir heute, ich schätze mal 40 Programme draufhaben." Denn auch im Tourneegeschäft war Maazel Weltmeister, was dem internationalen Renommee des BRSO enorme Schubkraft verliehen hat.

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Schubert Symphony No 9 C major The Great Lorin Maazel | Bildquelle: Sonorum Concentus Haydn & Schubert (via YouTube)

Schubert Symphony No 9 C major The Great Lorin Maazel

Faszination für Richard Strauss

Dass für einen kühlen Pultstrategen wie Maazel das brillante Orchesterfutter von Richard Strauss eine Steilvorlage war, verwundert nicht. "Der Musiker ist mit Strauss immer sehr glücklich – denn er hat immer was zu tun, und das wusste der Strauss. Manchmal überorchestriert er ein paar Stellen, denn er will die Musiker nicht langweilen", ist Maazel überzeugt und führt aus: "Sein Vater war Orchestermusiker, und Strauss wusste: Nur dasitzen und zählen – das ist furchtbar. Man will dasitzen und spielen! Strauss schreibt so, dass alle ununterbrochen spielen, aber mit einer Meisterschaft und einer leichten Hand – das ist wirklich erstaunlich. Ich muss sagen, als kleiner Komponist bin ich immer von seinem Können beeindruckt. Es ist wirklich faszinierend, was Strauss konnte."

Engagement für die nächste Generation

Dirigent Lorin Maazel | Bildquelle: picture alliance / AP Photo Lorin Maazel (1930 - 2014) | Bildquelle: picture alliance / AP Photo Zehn Jahre nach seinem Abschied vom Bayerischen Rundfunk 2002 kehrte Maazel noch einmal in die bayerische Landeshauptstadt zurück, um mit 82 Jahren nach dem Abgang von Christian Thielemann für drei Jahre die Chef-Position bei den Münchner Philharmonikern zu übernehmen. Privater Rückzugsort blieb seine Ranch in Castleton im US-Bundesstaat Virginia – aber auch dort setzte er sich nicht zur Ruhe: Mit seiner Frau Dietlinde Turban gründete Maazel die Chateauville Foundation zur Förderung des musikalischen Nachwuchses und veranstaltete auf seiner Farm mit einem jungen Ensemble Opernaufführungen. In Castleton starb er auch am 13. Juli 2014, mitten in seiner letzten Münchner Amtszeit. Er erlag mit mit 84 Jahren einer Lungenentzündung.

Autorität kann man in der heutigen Welt nicht verlangen. Entweder hat man das – oder nicht.
Lorin Maazel

Ein später Rollenwechsel

Lorin Maazel, Generalprobe Neujahrskonzert am 30. Dezember 2004 mit den Wiener Philharmonikern | Bildquelle: picture-alliance/dpa Lorin Maazel dirigierte mehr als ein halbes Jahrhundert lang. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Lorin Maazel war vielleicht der eleganteste Taktstockschläger, der mit sparsamer, punktgenauer Zeichengebung alles zeigen konnte. Die Ökonomie der Bewegungen hatte sich Maazel von Meistern wie Bruno Walter, Victor de Sabata und vor allem Fritz Reiner abgeschaut, bei denen er gelernt hat. Bei der Frage nach seinem Führungsstil musste Maazel in späteren Jahren schmunzeln. "Naja, Autorität kann man in der heutigen Welt nicht verlangen. Entweder hat man das, entweder wird man respektiert für sein Können – oder nicht."

Und Maazel wechselte die Rollen. "Früher, also vor vielen Jahren, als ich meine Karriere in Europa begonnen hatte, fühlte ich mich so jung. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass ich das Enkelkind verschiedener Musiker sein könnte. Und jetzt ist es genau umgekehrt. Aber das stört mich überhaupt nicht. Nur dass ich inzwischen gelernt habe, was es heißt, eine Vaterfigur zu werden. Und ich versuche, diese Rolle mit Würde zu erfüllen. Aber dafür muss man natürlich eine bestimmte innere Reife haben."

Sendung: "Allegro" am 6. März 2025 ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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