Manfred Honecks ist seit 17 Jahren Musikdirektor des Pittsburgh Symphony Orchestra – und auch international ein gefragter Dirigent. Nun ist er erneut beim BRSO in München zu Gast. Mit dabei hat er eine spannende und weitgehend unbekannte Komposition: Die "Fünf Stücke" für Streichquartett von Erwin Schulhoff, von ihm selbst für Orchester bearbeitet. BR-KLASSIK überträgt das Konzert im Münchner Herkulessaal am Freitag live im Radio.
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BR-KLASSIK: Herr Honeck, was hat Sie dazu veranlasst, die "Fünf Stücke" für Streichquartett von Erwin Schulhoff für Orchester zu bearbeiten?
Manfred Honeck: Ich war in einem Konzert in Pittsburgh, in einem Streichquartett des Pittsburgh Symphony Orchestra, und sofort begeistert von der Musik. Da dachte ich: Das muss orchestriert werden. Ich habe schon Farben und Instrumente gehört. Die Musik ist so vielfältig, dass ich das unbedingt für Orchester bearbeiten wollte.
BR-KLASSIK: Erwin Schulhoff wurde 1894 in Prag geboren. Er versuchte, die Musik seiner Zeit im Jazz, aber auch der Varietés oder der Dada-Bewegung aufzugreifen. Die "Fünf Stücke" sind 1923 entstanden. Was schätzen Sie an dieser Musik?
Manfred Honeck: Sie ist sehr charakteristisch. Schulhoff hat sich auf Tänze berufen, die wir kennen, den Wiener Walzer, die Polka und Tarantella. Aber er macht sehr viel daraus, er parodiert sie. Ein Wiener Walzer beispielsweise wird plötzlich aufs Korn genommen. Auf einmal gibt es da sehr ungewöhnliche Akzente. Er hat übrigens in der Streichquartett-Fassung einen Wiener Walzer im Viervierteltakt komponiert. Das ist natürlich eine Herausforderung. Ein Wiener Walzer wird ja immer im Dreivierteltakt geschrieben. Sie können sich vorstellen, wie sehr ein Streichquartett zu kämpfen hat, einen Walzer in einem Viervierteltakt zu spielen. Ich habe es im Arrangement in einen Dreivierteltakt umgewandelt, denn das wäre für 80 oder 90 Orchestermusiker etwas schwierig gewesen. Aber das ist Erwin Schulhoff. Er wollte die Musiker herausfordern, zum Denken bringen, dass nicht alles so gewöhnlich ist. Er bringt immer neue Facetten hinein, manchmal witzig, manchmal überdreht.
BR-KLASSIK: Wie schwer war es, diese Stücke auf ein Symphonieorchester zu übertragen, also auf einen großen Apparat?
Manfred Honeck: Das ist gar nicht so schwer. Tomás Ille, der sich letztendlich um das Arrangement gekümmert hat, ist ein ausgewiesener Arrangeur. Wir haben uns besprochen, welche Instrumente ich im Visier habe. Er schickte mir dann eine erste Vorlage, und danach korrigierten und veränderten wir sie. Wir haben zum Beispiel Schlagzeuginstrumente, die die Farben unterstützen – etwa Marimba oder Xylophon, kleine Trommel und große Trommel. Die Farben waren mir wichtig. Und das Werk wird in der Orchesterform jetzt auch öfter gehört, das freut mich.
BR-KLASSIK: Es ist auch eine Rehabilitierung dieses Komponisten, der im Nationalsozialismus gestorben ist. Er kam in einem Lager ums Leben. Schulhoff hat zahlreiche Werke hinterlassen, allein acht Symphonien. Haben Sie sich auch mit anderen Werken befasst?
Manfred Honeck: Viel zu wenig. In der Kammermusikwelt kennt man Schulhoff ganz gut. Aber da muss noch einiges entdeckt werden. Er war schon als junger Mensch und als Kind ein unglaublich talentierter Musiker. Dann ist er auch andere Wege gegangen, war nächtelang in Jazzclubs unterwegs, was dazu geführt hat, dass er vielleicht nicht immer ganz ernst genommen worden ist. Er hat außerdem die Zweite Wiener Schule sehr gefördert, also Alban Berg, Anton Webern und Arnold Schönberg. Und er war ein sehr intelligenter, intellektueller Komponist, der sich nicht scheute, gerade in diesen "Fünf Stücken" tief in die früheren Tänze und die Tradition einzutauchen, aber sie dann doch etwas aufs Korn zu nehmen.
Keine eigene Webseite, wenig Social Media: Dirigent Manfred Honeck wirkt ein bisschen wie aus einer anderen Zeit. Und ist überzeugt: "Der Dirigent ist nicht der Wichtigste. Er wird nur wichtig gemacht."
BR-KLASSIK: Sprechen wir über Ludwig van Beethoven, dem der Rest des Programms gewidmet ist. Seine Dritte Symphonie, die "Eroica", markiert einen Wendepunkt, sowohl im Schaffen Beethovens als auch in der Entwicklung der Symphonie als Form. Was ist für Sie das Besondere daran?
Manfred Honeck: Beethoven beruft sich auf seine berühmten Vorbilder Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart. Das ist ohne Zweifel spürbar. Aber er expandiert. Der erste Satz der "Eroica" ist etwa 15 bis 16 Minuten lang. Das hatte es noch nicht gegeben. Das ist wie eine ganze Haydn-Symphonie. Er dehnt und reizt es auch aus. Und nicht nur das: Er verwendet auch rhythmische Pointen, wie Hemiolen, die er exzessiv einführt. Ich habe das mal gezählt. In der Durchführung im ersten Satz gibt es 37 Sforzato-Akzente innerhalb kürzester Zeit. Es war ihm ganz wichtig, dass gewisse Noten, gewisse Harmoniewechsel oder eben rhythmische Pointen noch stärker betont werden.
BR-KLASSIK: Es gibt auch eine politische Dimension ...
Manfred Honeck arbeitet seit 17 Jahren mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra zusammen. | Bildquelle: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Keith Srakocic
Manfred Honeck: Wir wissen ja, dass Beethoven Napoleon sehr geschätzt hat und hoffte, dass er Freiheit bringt. Und dass er dann ziemlich enttäuscht war, dass er sich zum Kaiser hat krönen lassen. Beethoven hat die Symphonie geschrieben mit dem Gedanken an die Freiheit, an einen Helden, der die Freiheit bringt. Ich denke, dass man das auch in dieser Musik spürt. Der zweite Satz ist ein sehr berührender Satz, der tief in die österreichische Tradition eintaucht. Es gibt sehr viele Momente, die mich begeistern: Wenn Beethoven plötzlich eine Hoffnung einkomponiert, wenn die Musik, die in c-Moll steht, plötzlich in C-Dur übergeht, wo man das Gefühl hat, jetzt gibt es einen Sonnenaufgang, jetzt wird das Leben wieder schöner werden. Der vierte Satz ist wie üblich ein Tanzsatz, eine Art Rausschmeißer, aber mit vielen Feinheiten und Schattierungen. Am Ende des vierten Satzes gibt es dieses schöne Andante, das so berührend ist und so ehrlich und sehr tief in die Mozart- und Haydn-Welt eintaucht. Ich bin von dieser Musik immer sehr begeistert, und ich freue mich, sie mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks aufführen zu dürfen.
BR-KLASSIK: Sie leiten seit 17 Jahren das Pittsburgh Symphony Orchestra und haben Ihren Vertrag bis 2028 verlängert. Eine beispiellos lange Zeit heute. War das von Anfang an Ihr Wunsch?
Manfred Honeck: Nein, geplant war, dass ich höchstens zweimal verlängere und das vielleicht zehn oder zwölf Jahre mache. Denn ich glaube schon, dass eine Zusammenarbeit mit einem Orchester funktionieren muss. Wenn ein Orchester kein Vertrauen mehr in den Dirigenten hat oder der Dirigent nichts mehr zu sagen, dann ist es besser, man geht auseinander. Das Orchester hat mich aber gebeten, zu verlängern. Ich bin sehr dankbar, dass diese Zusammenarbeit musikalisch Früchte trägt und dass wir einander noch viel zu erzählen haben. Das Orchester bietet unglaublich viel an, wo ich Ideen aufgreifen kann. Wir können sehr im Detail arbeiten. Ich glaube, es ist nicht genug, ein Orchester innerhalb von vier, fünf oder sechs Jahren zu formen. Es befindet sich momentan in einer fantastischen Form.
BR-KLASSIK überträgt das Konzert aus dem Herkulessaal der Münchner Residenz am 4. April 2025 ab 20.03 Uhr live im Radio.
Das Programm:
Erwin Schulhoff: Fünf Stücke für Streichquartett – Bearbeitung für Orchester von Manfred Honeck und Tomás Ille
Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur, op. 58
Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 3 Es-Dur, op. 55 ("Eroica")
Sendung: "Allegro" am 3. April 2025 ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK
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