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Instrument des Jahres 2025 Die Stimme – vielseitig und empfindlich

Sie ist so individuell wie ein Fingerabdruck: Die menschliche Stimme. Dabei facettenreich, anrührend und zugleich eine Mimose. Genaugenommen sind es nur zwei kleine Muskeln, die zu Beachtlichem fähig sind.

Junge Sängerin | Bildquelle: © Johanna Schlüter

Bildquelle: © Johanna Schlüter

Die Stimme ist das Instrument, das uns Menschen "werkseitig" im Kehlkopf mitgegeben wird. Das Instrument ist simpel im Transport, verglichen mit einem Klavier. Es ist unauffällig in seiner äußeren Erscheinung und benötigt auch keine 230 Saiten wie ein Konzertflügel, um abwechslungsreiche Schwingungen und Stimmungen zu erzeugen. Zwei kleine Muskeln, kaum größer als eine Mandel.

Der schnurrende Muskel-Kater

Von sich aus machen die Muskeln keinen Pieps. Sobald aber Luft ins Spiel kommt, geben die Stimmbänder, auch Stimmlippen genannt, ein Geräusch von sich. Das erinnert weniger an "O sole mio" – und mehr an das Schnurren eines Katers in Frührente.

Richtige Töne werden erst hörbar, wenn beim Ausatmen die Luft durch die Luftröhre in den Kehlkopf strömt. In der schleimigen und feuchten Umgebung beginnen die elastischen Stimmbänder unter Einwirkung des Luftdrucks zu schwingen. Dank einer integrierten Lautsprecheranlage – Mund, Nasen- und Rachenräume – erklingt nun "etwas". Leider noch kein "O sole mio".

Stimmbildung: Der Führerschein fürs Singen

Für eine klangvolle Stimme, egal ob als Solist oder Solistin, hobbymäßig im Kirchenchor oder als Fan im Fußballstadion braucht es trainierte Stimmbänder. Je nachdem, wie gut man die im Griff hat, klingt ein Schlaflied beruhigend oder eine Rachearie wie das Lied von Pippi Langstrumpf.

Obwohl die Tonerzeugung im Kehlkopf stattfindet, ist für eine solide Stimme auch Körpereinsatz notwendig. Entsprechend arbeitet man zunächst an der Haltung: aufrecht, aber nicht wie ein Zinnsoldat. Mit einem entspannten Bauch gelingt die Zwerchfellatmung am besten, sie ist die Stütze für eine stabile Stimme. Zur Kontrolle legt man die Hände sanft auf den Bauch. Komplexe Verrenkungen oder gar einen Dauerlauf vor dem Singen sollte man vermeiden, damit die Resonanzräume geöffnet bleiben und sich das Instrument darüber voll entfalten kann.

Sendung zur Stimme als Instrument des Jahres

BR-KLASSIK sendet ein ausführliches Feature zur Stimme als Instrument des Jahres 2025 in der Sendung "Klassikplus": 4. April 2025 ab 19.03 Uhr, Wiederholung am 5. April ab 14.05 Uhr.

Kleine Übungen zum Stimmtraining

Kleine Übungen wie Wasserblubbern lockern die Mundwerkzeuge. Ein zackiges Anstimmen der Vokale a-e-i-o-u ist für eine verschlafene Stimme besser als jedes Weckerrasseln. Eine Art Stop-and-go mit Konsonanten wie "k" ist ebenfalls ein effektives work-out! Professionelle Sänger und Sängerinnen entwickeln im Lauf ihrer Karriere ein ganz persönliches Fitnesstraining.

Extra-Herausforderung: Texte von Richard Wagner

Anna Netrebko und Piotr Beczala in Wagners "Lohengrin" an der Semperoper Dresden, 2016 | Bildquelle: picture-alliance/dpa Für die Zunge anspruchsvolle Operntexte sind eine zusätzliche Herausforderung beim Singen. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Darüber hinaus hilft das sogenannte Feintuning bei den zungenmäßig anspruchsvollen Operntexten von Richard Wagner, etwa: "Mit Händen und Füßen nicht fasse noch halt' ich das schlecke Geschlüpfer." Hier darf die Kiefermuskulatur nicht verspannt sein, die Zunge liegt beweglich und aufmerksam im Mund, der Gaumen ist gut gewölbt, selbst Zähne, Nasenraum und Lippen braucht es für so einen Satz.

Das wichtigste Organ für Sänger ist allerdings nicht die Stimme, sondern es sind die Ohren: Mit denen überprüft man die Intonation, die Klangzusammensetzung, auch die Klangvorstellung. Wo will ich hin, was will ich ausdrücken und wie klingt es tatsächlich? Die Ohren sind Selbstkontrolle, Wegweiser und Rückkoppelung.

All diese Zusammenhänge im Körper zu erspüren, sozusagen den Spielbetrieb draufhaben, das geht Sängerinnen und Sängern irgendwann in Fleisch und Blut über. Denn erst wenn sie nicht mehr vor jedem Ton aktiv nachdenken, wie man nun die Lippen korrekt spannt oder wann der Atem strömen soll, erst dann sprudeln Melodie und Text fast von selbst: "Garstig, glatter, glitschiger Glimmer! Wie gleit ich aus."

Stimmband-Jammerlappen?

Ja, das Instrument "Stimme" ist eine Mimose. Das weiß jeder Sänger, jede Sängerin. Nur kann man das Instrument, im Gegensatz zu einer Geige, nicht in einen Carbon-Koffer betten. Die Stimme läuft immer mit, ist sämtlichen Widrigkeiten des Alltags voll ausgesetzt: rotzende Mitreisende in der U-Bahn, röhrende Klimaanlagen und Temperaturschwankungen.

Solche äußerlichen Faktoren lassen sich einigermaßen kontrollieren: Manche Sängerinnen und Sänger fahren nur im eigenen Auto, schützen sich mit dem legendären Sängerschal. Greifen zu Ingwerwurzel mit Zitrone. Trinken Milch mit Honig, inhalieren Salzwasser und vermeiden schädliches Flüstern oder Kreischen. Aber läuft einem die buchstäbliche Laus über die Leber, macht die Stimme dicht. Seelische Anspannung führt zu einer Verkrampfung der kleinen Muskeln, der kristallklare Klang geht flöten: Und schon verschlägt es einem die Stimme. Das Gejammer ist dann groß und wieder gibt’s kein "O sole mio".

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Rampensau, Rodolfo oder Arme Sau

Mann singt ins Mikrofon | Bildquelle: picture alliance / Loop Images | Highwaystarz Wer mit dem Instrument "Stimme" auf die Bühne geht, braucht Selbstvertrauen und muss sich seiner selbst bewusst sein. | Bildquelle: picture alliance / Loop Images | Highwaystarz Wer mit dem Instrument "Stimme" auf die Bühne geht, braucht Selbstvertrauen und ein Selbstbewusstsein im konkreten Sinne: Man muss sich seiner selbst bewusst sein. Dabei ist es völlig egal, ob man als Beatboxer oder Bariton an der Rampe steht, ein Sforzato herauspresst oder süß säuselt. Ob man im Jazzgesang schwebt oder als Counter ein Stimmband-Bungee-Jumping veranstaltet.

Die Möglichkeiten der menschlichen Stimme, mit Gesang zu kommunizieren, sind unendlich groß. Und der Weg zum eigenen Instrument – der ja vom Gehirn zum Kehlkopf eigentlich nur etwa 25 Zentimeter misst – dieser Weg ist in Wahrheit ein sehr langer, der weit über das Produzieren einer schönen Tonfolge hinausgeht. Beim Singen wabern zwar in erster Linie Schallwellen durch den Raum, die korrekt oder falsch klingen. Aber es schwingt in der Stimme auch noch das gewisse Etwas mit, das beim Publikum Freude, Wut, Empathie, Ratlosigkeit oder auch Zuneigung auslöst. Genau darum werden in vielen Religionen im Gesang tiefe Gefühle ausgedrückt und die Stimme wird zum Instrument, um mit einer göttlichen Sphäre in Verbindung zu treten.

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Luciano Pavarotti: 'O Sole Mio'

Im Umkehrschluss bedeutet das: die tollste Stimme ist so viel wert wie Hühnergackern, wenn die Sängerin oder der Sänger auf der Bühne nicht die Seele entblößt. Dann bleibt immer eine Distanz zum Publikum. Dann springt er nicht über, der Funke oder… der Sonnenstrahl aus "O sole mio".

Wo man singt, da lass dich (lautstark) nieder

Weil jeder Mensch eine eigene Stimme hat, weil dieses Instrument keinen extra Trichter braucht, um zu klingen, rührt es uns unmittelbar an. Die Stimme ist es, die lautstark unseren Eintritt in die Welt verkündet, die Stimme der Mutter ist es, die uns beruhigt. In der Stimme liegen Liebe und Sorge eng beieinander. Im Alltag wie in der Kunst.

Wenn eine Opernheldin leidet und kurz davor ist, sich von einer Burg zu stürzen, spüren wir ihre Enge im Hals, ihre Verzweiflung in der Brust. Der Körperton überträgt sich auf den aufmerksam Lauschenden. Das winzige Instrument "Stimme" kann sogar eigenen Ängsten entgegentreten. So ist wissenschaftlich erwiesen, dass ein nächtlicher Spaziergang im Wald weitaus weniger gruselig erscheint, wenn man währenddessen singt. Der Atem wird tief, die Muskulatur entspannt sich, der Geist ist beschäftigt und plötzlich verwandelt sich der vermeintliche böse Wolf in einen Baumstumpf.

Gemeinsames Musizieren stärkt Zusammengehörigkeitsgefühl

Chor | Bildquelle: VBSM/Silja Eisenweger Gemeinsames Singen tut gut: Atmen und Musizieren verstärken das Gefühl von Zusammengehörig | Bildquelle: VBSM/Silja Eisenweger Nimmt man sein Instrument "Stimme" mit in eine Gruppe von Gleichgesinnten, verstärkt das gemeinsame Atmen und Musizieren das Zusammengehörigkeitsgefühl. Dazu kommt als I-Tüpfelchen: Endorphine und Oxytocin, also das Kuschelhormon, werden bei jedem Einsatz der Singstimme ausgeschüttet. Fazit: Wo man singt, da lass dich nieder. Und stimm´ lautstark mit ein! Dann klappt ´s auch mit dem "O sole mio".

Sendung: "Klassikplus" am 4. April 2025 ab 19.03 Uhr auf BR-KLASSIK (Wiederholung: Samstag, 14.05 Uhr)

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